Miteinander statt nebeneinander – Rückblick auf den 4. Fachtag Psychiatrische Pflege Berlin

Miteinander statt nebeneinander – Rückblick auf den 4. Fachtag Psychiatrische Pflege Berlin

Rund 120 angemeldete Teilnehmende, vielfältige fachliche Impulse und ein intensiver Austausch: Am 9. Oktober 2026 fand im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee der 4. Fachtag Psychiatrische Pflege Berlin statt. Unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – Für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“ widmete sich die Veranstaltung der Frage, wie eine beziehungsorientierte, partizipative und sektorenübergreifende psychiatrische Versorgung gestaltet werden kann.

Der von der Regionalgruppe Berlin der Deutschen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP) organisierte Fachtag war vollständig ausgebucht. Kolleg*innen aus unterschiedlichen Einrichtungen, Professionen und Versorgungsbereichen aus ganz Deutschland kamen zusammen, um aktuelle Entwicklungen der psychiatrischen Pflege zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und neue Perspektiven für die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu entwickeln.

Gemeinsam Verantwortung für psychiatrische Versorgung übernehmen

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit Grußworten von Sofie Nolte-Kräft, Pflegedirektorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee, Sandra Schäfer, stellvertretende Chefärztin des Hauses, und Konstanze Knopp, Psychiatriekoordinatorin des Bezirks Pankow.

Bereits zum Auftakt wurde deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen, Einrichtungen und Versorgungsbereiche für eine zeitgemäße psychiatrische Versorgung ist. Insbesondere die Beteiligung der bezirklichen Psychiatriekoordination unterstrich die Bedeutung einer engen Vernetzung zwischen klinischer Behandlung und gemeindepsychiatrischen Unterstützungsangeboten.

Damit griff bereits die Eröffnung einen zentralen Gedanken des Tagungsmottos auf: Gute psychiatrische Versorgung gelingt nicht nebeneinander, sondern durch Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Verantwortung.

Offene Türen, Stigmatisierung und Trialog – professionelle Haltung im Mittelpunkt

Den fachlichen Auftakt gestaltete Jacob Helbeck mit seinem Vortrag „Offene Türen wagen“. Auf Grundlage seiner qualitativen Untersuchung zur Öffnung akutpsychiatrischer Stationen beleuchtete er die Chancen und Herausforderungen offener Behandlungskonzepte. Dabei wurde deutlich, dass die Öffnung psychiatrischer Stationen weit mehr bedeutet als die Veränderung organisatorischer Abläufe. Sie berührt grundlegende Fragen professioneller Haltung, der Selbstbestimmung von Patient*innen, der Beziehungsgestaltung und des Sicherheitsverständnisses psychiatrischer Einrichtungen.

Mit dem Beitrag „Stigma beginnt im Kopf: Psychiatrische Pflege als Stimme gegen Vorurteile“ rückten Aedrian Meyer, Jaqueline Voigt, Melanie Sulsky und Marco Kotsch die gesellschaftliche Verantwortung psychiatrischer Pflege in den Mittelpunkt. Sie beschäftigten sich mit der Entstehung und Wirkung von Stigmatisierung sowie der Frage, welchen Beitrag Pflegefachpersonen zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten können.

Eine weitere Perspektive eröffnete der Beitrag „Trialog ernst nehmen“, der ursprünglich von Annegret Harting, Roland Weber, Sarah Hickstein und Marco Kotsch angekündigt worden war. Im Mittelpunkt stand die gleichberechtigte Einbeziehung von Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung, Angehörigen und professionell Tätigen. Der Beitrag verdeutlichte, dass eine partizipative psychiatrische Versorgung unterschiedliche Erfahrungen und Wissensbestände anerkennen und in die Gestaltung von Behandlung und Unterstützung einbeziehen muss.

Die Vorträge machten deutlich, dass psychiatrische Pflege nicht allein durch fachliches Wissen und methodische Kompetenzen geprägt wird. Entscheidend ist ebenso die professionelle Haltung, mit der Pflegefachpersonen Menschen begegnen, Beziehungen gestalten und Selbstbestimmung ermöglichen.

Beziehungsgestaltung als Kernkompetenz psychiatrischer Pflege

Wie ein roter Faden zog sich die Bedeutung professioneller Beziehungsgestaltung durch das Tagungsprogramm.

Johanna Jochheim, Gesundheits- und Krankenpflegerin und zertifizierte DBT-Co-Therapeutin, beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der DBT-Haltung in der psychiatrischen Pflege. Sie zeigte auf, wie eine dialektisch-behaviorale Grundhaltung dabei unterstützen kann, herausfordernde Situationen differenziert zu betrachten und konstruktiv zu gestalten. Im Mittelpunkt standen eine wertschätzende, validierende Haltung und die Bereitschaft, Verhalten im jeweiligen Kontext zu verstehen, statt Menschen vorschnell als schwierig zu bewerten.

Auch Sarah Ziegner widmete sich der professionellen Beziehungsgestaltung. In ihrem Vortrag „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz – Evidenz und Herausforderungen der Umsetzung im klinischen Alltag“ stellte sie wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Herausforderungen einer beziehungsorientierten Pflege vor. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in den Versorgungsalltag zu übertragen und die Qualität pflegerischer Beziehungen systematisch weiterzuentwickeln.

Die unterschiedlichen Beiträge verdeutlichten, dass Beziehungsgestaltung weit mehr ist als eine grundlegende Voraussetzung pflegerischen Handelns. Sie ist eine eigenständige professionelle Kompetenz und ein wesentlicher Bestandteil therapeutischer Prozesse.

Pflegefachpersonen begleiten Menschen kontinuierlich durch Krisen, schaffen Vertrauen, erkennen Veränderungen und gestalten Behandlungsprozesse aktiv mit. Gerade diese Nähe zum Alltag der Patient*innen eröffnet besondere Möglichkeiten, individuelle Bedürfnisse wahrzunehmen und Genesungsprozesse zu unterstützen.

Psychiatrische Versorgung über Sektorengrenzen hinweg gestalten

Ein weiterer Schwerpunkt des Fachtags lag auf der Zusammenarbeit zwischen stationären und ambulanten Versorgungsangeboten.

Der Vortrag „Soziotherapie: Arbeitsfeld für psychiatrische Pflege & Koordinationszentrale psychiatrischer Versorgung?“ beschäftigte sich mit den Möglichkeiten der Soziotherapie und ihrer Bedeutung für die Koordination psychiatrischer Behandlungs- und Unterstützungsangebote.

Dabei stand insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie psychiatrische Pflege ihre fachlichen Kompetenzen auch außerhalb stationärer Einrichtungen einbringen und zur Kontinuität psychiatrischer Versorgung beitragen kann.

Die Diskussionen machten deutlich, dass eine bedarfsgerechte psychiatrische Versorgung nicht an den Grenzen einzelner Einrichtungen oder Versorgungssektoren enden darf. Vielmehr braucht es verlässliche Übergänge, eine stärkere Zusammenarbeit und ein gemeinsames Verständnis der unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen.

Gerade an den Schnittstellen zwischen klinischer Behandlung, ambulanter Versorgung und gemeindepsychiatrischen Angeboten bestehen weiterhin Herausforderungen. Umso wichtiger sind fachlicher Austausch, tragfähige Netzwerke und die Bereitschaft, Versorgung gemeinsam weiterzuentwickeln.

Pflegerische Expertise sichtbar machen und Nachwuchs fördern

Besonders erfreulich war die aktive Beteiligung von Kolleg*innen aus dem gastgebenden Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee. Mit drei Beiträgen aus dem eigenen Haus wurde die Vielfalt pflegerischer Expertise, wissenschaftlicher Auseinandersetzung und praktischer Entwicklungsarbeit sichtbar.

Auch Kolleg*innen aus der Fachweiterbildung Psychiatrie erhielten die Möglichkeit, ihre Themen und Projekte einem größeren Fachpublikum vorzustellen.

Die Förderung des pflegerischen Nachwuchses und die Sichtbarkeit unterschiedlicher Qualifikations- und Kompetenzprofile sind wichtige Anliegen der DFPP. Der Fachtag bot hierfür einen geeigneten Rahmen und zeigte, welches Potenzial entsteht, wenn Erfahrungen aus der Praxis, Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Impulse aus der Aus- und Weiterbildung zusammengeführt werden.

Denn die Weiterentwicklung psychiatrischer Pflege lebt davon, dass Kolleg*innen ihr Wissen teilen, bestehende Strukturen kritisch hinterfragen und neue Ideen in den professionellen Diskurs einbringen.

Begegnung, Vernetzung und musikalische Impulse

Neben den fachlichen Vorträgen bot der Fachtag zahlreiche Gelegenheiten zum persönlichen Austausch. In den Pausen wurden Diskussionen fortgesetzt, neue Kontakte geknüpft und bestehende Netzwerke gestärkt.

Einen besonderen Akzent setzte die Musikgruppe „Die Schlagfertigen“ von Pinel, die mit ihrem Auftritt das Tagungsprogramm bereicherte. Der musikalische Beitrag brachte eine weitere Perspektive auf Kreativität, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe im Kontext psychischer Gesundheit ein.

Die positive Atmosphäre und der intensive Austausch zwischen den Teilnehmenden unterstrichen den Wert solcher Veranstaltungen für die psychiatrische Pflege. Auch die ersten Rückmeldungen aus der Evaluation zeichneten ein erfreuliches Bild: Insbesondere die Vielfalt und Praxisnähe der Beiträge, die angenehme Atmosphäre und die Möglichkeiten zur Vernetzung wurden positiv hervorgehoben.

Impulse für die Zukunft psychiatrischer Pflege

Der 4. Fachtag Psychiatrische Pflege Berlin hat eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig die Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten psychiatrischer Pflege sind.

Die Beiträge reichten von offenen Behandlungskonzepten und der Überwindung von Stigmatisierung über trialogische Zusammenarbeit und professionelle Beziehungsgestaltung bis hin zu Fragen sektorenübergreifender Versorgung.

Bei aller thematischen Vielfalt wurde eine gemeinsame Botschaft deutlich: Eine gute psychiatrische Versorgung braucht fachliche Kompetenz, eine reflektierte professionelle Haltung und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Für die Weiterentwicklung psychiatrischer Pflege ergeben sich daraus wichtige Aufgaben. Dazu gehören die Stärkung partizipativer Behandlungsansätze, die Weiterentwicklung pflegerischer Rollen und Kompetenzen, die konsequente Verbindung von Wissenschaft und Praxis sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Versorgungsbereichen.

Die DFPP versteht sich dabei als fachliches Netzwerk, das den Austausch fördert, pflegerische Expertise sichtbar macht und die professionelle Weiterentwicklung psychiatrischer Pflege aktiv unterstützt.

Der Fachtag hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig regionale Veranstaltungen sind, um Kolleg*innen zusammenzubringen, fachliche Entwicklungen anzustoßen und die psychiatrische Pflege als eigenständige Profession zu stärken.

Dank und Ausblick

Die DFPP-Regionalgruppe Berlin bedankt sich herzlich bei allen Referent*innen, Teilnehmenden und Mitwirkenden, die mit ihren Beiträgen, Fragen und Diskussionen zum Gelingen des 4. Fachtags beigetragen haben.

Ein besonderer Dank gilt dem Team der Pflegedirektion des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee, den Mitarbeitenden aus Küche, Technik und Logistik, allen weiteren Helfer*innen des Krankenhauses sowie den engagierten Mitgliedern der DFPP-Regionalgruppe Berlin. Ohne ihre tatkräftige Unterstützung wäre die Durchführung dieser Veranstaltung nicht möglich gewesen.

Nach dem erfolgreichen 4. Fachtag richtet sich der Blick bereits auf das kommende Jahr:

Save the Date: Der 5. Fachtag Psychiatrische Pflege Berlin findet am 8. Oktober 2027 statt!

Die DFPP-Regionalgruppe Berlin freut sich darauf, den fachlichen Austausch fortzusetzen, neue Perspektiven aufzugreifen und gemeinsam mit Kolleg*innen aus unterschiedlichen Einrichtungen und Versorgungsbereichen die psychiatrische Pflege weiterzuentwickeln.

Denn auch in Zukunft gilt: Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt.