Betreutes Wohnen - Mobile Unterstützung zur Teilhabe

"In das Bühnenlicht der psychiatrischen Öffentlichkeit rücken" - Konrad und Rosemann schreiben Buch zum "Betreuten Wohnen"

Gelesen von Christoph Müller

Es hat etwas Erfrischendes, das Buch "Betreutes Wohnen" in die Hand zu nehmen. Denn Michael Konrad und Matthias Rosemann, die Verantwortung in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen in Ravensburg und Berlin tragen, rütteln nicht nur den Leser, sondern vor allem den psychiatrischen Praktiker wach. Mobile Unterstützung stehe für eine Grundhaltung und eine Organisationskultur, "die die Hilfe zu den Menschen in ihrer aktuellen individuellen Situation bringt" (S. 8).

Dies soll etwas Besonderes sein? Wer es wirklich wagt, einmal nach dem Charakter psychiatrischer Hilfen zu schauen, wird um die Feststellung nicht herum kommen, dass psychisch erkrankte Menschen beweglich und mutig genug sein müssen, um nach Hilfeangeboten zu schauen. Konrad und Rosemann versuchen mit dem Buch, eine sehr stille und effektive Hilfeform in das Bühnenlicht der psychiatrischen Öffentlichkeit zu rücken.

"Für die Integration in die Gesellschaft ist in unserer Kultur die eigene Wohnung eine wichtige Voraussetzung, und zwar für eine selbstbestimmte Entfaltung der individuellen Persönlichkeit und als Ausgangspunkt von Recoveryprozessen"(S.55) Was für den psychisch gesunden Menschen als Selbstverständlichkeit erscheint, fordern erkrankte Menschen in gleicher Weise ein. Konrad und Rosemann erwecken den Eindruck, die Rollen als Fürsprecher und Anwälte seelisch leidender Menschen spielen zu wollen. Noch mehr: sie sprechen sich für die Normalität im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ein. Dabei vermeiden sie es, den Fürsorgebegriff als solchen allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Wo es Rechte gebe, in der eigenen Wohnung zu leben, dort gebe es auch Pflichten. Im Kontext des betreuten Wohnens könnten die Menschen bei der Wahrnehmung der Pflichten zwar unterstützt werden. Betroffenen Menschen könne jedoch keine Verantwortung abgenommen werden (S.57)

Das Buch von Konrad und Rosemann ist eine ausgezeichnete Unterstützung für psychiatrische Praktiker. Die Unterstützung versuchen sie vom psychiatrie-erfahrenen Menschen zu denken und zu erklären. Sie bleiben jedoch über die gut 160 Seiten hinweg psychiatrische Professionelle mit einem hohen Reflexionsvermögen und Reflexionswillen. Das Individuelle liegt den beiden Autoren am Herzen. Das Aushandeln und Begleiten sehen sie sich näher an. Dabei verlieren sie weder den betreuten Menschen aus dem Auge, noch vergessen sie die Mitarbeitenden im Betreuten Wohnen.

Konrad und Rosemann wagen es gleichfalls, heiße Eisen anzufassen. Beispiel Grenzüberschreitungen: "Das Gefühl, sich in einem Machtkampf zu befinden, geht oft einher mit dem Gefühl von Hilflosigkeit." (S.115) Mitarbeitende haben eine Menge Möglichkeiten, über die Auseinandersetzung mit dem Buch von Konrad und Rosemann Fallstricke zu erkennen. Es spricht einfach eine jahrzehntelange berufliche Erfahrung aus der Publikation. Dies wird spürbar, als Konrad und Rosemann die Positionen zur Begleitung ehemals forensisch untergebrachter Menschen darstellen. Sie schreiben von einer Selbstverständlichkeit der versorgung dieser Menschen in gemeindepsychiatrischen Angeboten bzw. beschreiben auch, an welchen Stellen Qualitätsentwicklungen bei der Begleitung allgemeinpsychiatrischer Klientinnen und Klienten dadurch stattfinden.

So kehren sie auch eine Begrifflichkeit um, die schwierige Menschen angeht. Sie ermuntern, auf den Begriff der Systemsprenger zu verzichten. Vielmehr sei von Lebenskünstlern zu sprechen. Mit dieser Terminologie gehe es darum, von einer Lebensgestaltung zu sprechen, eigene Wege zu suchen statt sich bekannten Pfaden anzupassen. Wenn sich dieser Optimismus einmal herumsprechen könnte ...

 

Michael Konrad / Matthias Rosemann:
"Betreutes Wohnen - Mobile Unterstützung zur Teilhabe"
Psychiatrie-Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-88414-647-7, 159 Seiten, 14,99 €

 

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