Praxishandbuch Schizophrenie

“Licht und Schatten” - Erstmals liegt ein "Praxishandbuch Schizophrenie" vor

Von Christoph Müller

Es ist immer wieder einmal an der Zeit, den State-of-the-art bezüglich der Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen zu dokumentieren. Dieser Chronistenpflicht kommt der Psychiater Peter Falkai mit dem "Praxishandbuch Schizophrenie" nach. Er hat eine Schar von Autorinnen und Autoren um sich geschart, die so kenntnisreich wie tiefgründig sind. Differenziert stellen die Expertinnen und Experten aus der klinischen Arbeit die Symptomatik und die somatische Komorbidität, die somatischen Therapieverfahren und die Psychotherapie, die Neurostimulation und die Behandlungsresistenz dar.

Nachdenklich stimmt, dass Falkai sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen deutlich medizinischen Blick auf das Phänomen der Schizophrenie wagen. Der Trialog von Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen wird nur angeschnitten. Die Einbeziehung von Peer-Beratern in der psychiatrischen Versorgung wird als Möglichkeit vorgestellt, jedoch nicht intensiver erläutert. So ist die Gefahr möglicherweise groß, den ein oder anderen Satz zu überlesen. Beispiel: "In der modernen Psychiatrie ist die Wahrnehmung von Erklärungs-und Bewältigungsmodellen der Betroffenen unerlässlich." (S. 209)

Ein funktionalistisches Verständnis der eigenen Arbeit wird deutlich, als die "Adhärenztherapie" unter die Lupe genommen wird. Die "Adhärenztherapie" wird als "effizienten und unmittelbare Maßnahme zur Verbesserung der Versorgung und Prognose von Patienten mit schizophrener Psychose" (S.216) verstanden. Ziel der Adhärenztherapie sei es, "seine Selbstkompetenz im Umgang mit seiner Erkrankung zu erhöhen und diese in sein Leben zu integrieren" (S.216). Die Lebendigkeit der Diskurse, die über die Adhärenztherapie hinausgehen, um das Gezeiten-Modell herum beispielsweise bleiben unerwähnt und auch wissenschaftlich unbelegt.

Ein ganzes Kapitel widmen die Autorinnen und Autoren des "Praxishandbuchs Schizophrenie" den sonstigen Therapien. Es wird offensichtlich, dass künstlerische Therapien und Ergotherapie, Bewegungs-und Physiotherapie auch bei seelischen Erkrankungen einen großen Sinn machen, "um bestimmte Zielsyndrome zu bessern, aber auch allgemeine Ziele wie eine Verbesserung der sozialen Funktionen, der Lebensqualität und des allgemeinen Wohlbefindens zu erreichen" (S.192).

Die Psychotherapien, die bei der Behandlung schizophrener Erkrankungen nicht vorrangig empfohlen werden, sind ausführlich dargestellt. Das Licht wird dämmriger, als es um die Vorstellung der sonstigen Therapien geht. Mehr als bedenklich erscheint es, dass die psychiatrische Pflege keine Beachtung bekommt. Man mag die größte Berufsgruppe als notwendiges Anhängsel empfinden. Für die Betroffenen sind psychiatrisch Pflegende von großer Bedeutung bezüglich des Fitmachens für den Alltag mit psychotischen Symptomen. Den State-of-the-art ohne psychiatrisch Pflegende zu definieren erscheint als Nachlässigkeit. Begriffe wie Symptommanagement und Reizmanagement mögen beispielhaft genannt sein.

Medizinisch-wissenschaftlich ist das "Praxishandbuch Schizophrenie" auf der Höhe der Zeit. An ihm wird man kaum vorbeikommen, wenn man wissen will, was sich wissenschaftlich getan hat. Es gibt Licht, aber es gibt auch Schatten. Denn es versäumt, die alltägliche Multiperspektivität und die Multiprofessionalität wahrhaftig umzusetzen.



Peter Falkai (Hrsg.):
"Praxishandbuch Schizophrenie - Diagnostik, Therapie, Versorgungsstrukturen"
Verlag Urban & Fischer, München 2016, ISBN 978-3-437-22305-1, 253 Seiten, 39,95 €

 

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