Prävention von Zwangsmassnahmen ...

„Irgendwie eine Chance vertan“

Von Christoph Müller

Wer sich in der psychiatrischen Landschaft einen Namen machen will, der nutzt die Gelegenheit, sich mit den Themen Aggressionen und Zwangsmaßnahmen zu beschäftigen. Dabei fällt es inzwischen schwer, die vergessenen Fragestellungen zu finden oder den nötigen Tiefgang zu suchen, mit dem eine inhaltliche Beschäftigung inzwischen nur noch Sinn macht. Mit dem Buch „Präventionen von Zwangsmaßnahmen“ ist eine Möglichkeit verstrichen, der inhaltlichen Arbeit einen neuen Impuls zu geben. Oder anders: statt in einer konstruktiven Weise zu einem impulsgebenden Trialog an einen Tisch zu rufen, wird man während der gesamten Lektüre den Eindruck nicht los, dass sich die Herausgeber zu sehr auf die eigene Ideologie konzentriert haben. Ideologische Diskussionen bei der Thematisierung von Aggression und Gewalt in psychiatrischen Zusammenhängen zu führen erscheint gegenwärtig alles andere als angebracht.

Realistisch lesen sich die Beiträge eines Betroffenen. Der psychiatrie-erfahrene Rainer Höflacher denkt über das Thema „Zwangsmedikation“ nach und fragt, ob sie Ultima Ratio oder No-Go ist. „mir ist es nicht möglich, dauerhaft mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten … Es ist für mich ein unlösbares Dilemma, mit wirklich guten Absichten einem Menschen gegen seinen Willen mit Gewalt Medikamente zu geben, die ihm in bestimmten Fällen großen Schaden zufügen können.“ (S. 62) Höflacher gelingt es, überzeugend darzustellen, dass er selber von Medikationen gegen seinen Willen zu profitieren. Es zieht sich durch seinen Beitrag die Mühe, die er mit der ihm gestellten Frage hat.

Höflacher bringt in die Diskussion ein, „dass die Anwendung von Zwangsmaßnahmen in vielen Fällen das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Personal schwer schädigt und dies sogar zu Behandlungsabbrüchen führt“ (S.59). Er sieht ein, dass die professionell Tätigen in einer äußerst komplexen Situation sind, wenn sie von den psychiatrie-erfahrenen Menschen als Folterer bezeichnet werden. „Es gehört viel Kritik-und Reflexionsfähigkeit dazu, sich als Folterer bezeichnen zu lassen und dabei immer noch wohlwollend und gesprächsbereit auf die Gegenseite zuzugehen“ (S.59).

Fronten scheinen an vielen Stellen verhärtet in der psychiatrischen Versorgung. Man mag sich Gedanken machen, woran dies liegen mag. Deutlich wird, dass alles Rationalisieren den Situationen nicht gerecht wird, denen Psychiatrie-Erfahrene wie psychiatrisch Tätige Tag für Tag in den psychiatrischen Kliniken, aber auch in der Gemeindepsychiatrie begegnen. Schließlich sind die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht geeignet, den eigenen Wünschen sowie den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

„Angehörige – was brauchen sie, worauf hoffen sie ?“ ist die Frage, mit der sich Wiebke Schneider und Wiebke Schubert auseinandersetzen. Auf der Grundlage ganz persönlicher Erfahrungen wird deutlich, in welchen Zwickmühlen Angehörige stecken, die den Weg mit psychisch erkrankten Menschen gemeinsam gehen. Sie fokussieren es in ihrem Aufsatz auf suchterkrankte Menschen und machen keinen Hehl daraus, dass Zwangsmaßnahmen als Problemlösung verstanden werden kann. Angehörige wünschten sich nicht selten eine Zwangsbehandlung und hofften, dass alles wieder gut werden könne. Eine Abhängigkeitsthematik löse sich nicht von heute auf morgen. Es brauche bei Abhängigen wie beim sozialen Umfeld „einen langen Atem in der Bewältigung der Problematik und in der Entwicklung eines suchtfreien Lebensstils“ (S.67), so Schubert und Schneider.

Schubert und Schneider ist unbedingt dafür zu danken, dass sie im Zusammenhang mit der Erkrankung eines Familienangehörigen nicht alles entschuldigen und für alles Verantwortung übernehmen wollen. Angehörige sollten sich an die Erkrankung anpassen und lernen, damit umzugehen. Dies sei ein Paradigma, mit dem sie immer wieder konfrontiert würden. Als Giftsatz bezeichnen sie die Kurzformel „Nimm Rücksicht !“ Auch erkrankte Menschen hätten Rücksicht zu nehmen und die Grenzen anderer Menschen zu respektieren und dürften nicht in die Rechte Anderer eingreifen, wenn sie in einer Gemeinschaft leben wollten.

So wundert es nicht, dass eine Menge Sprengstoff in den unterschiedlichen Sichtweisen auf psychische Erkrankungen im Allgemeinen und auf Aggressionen und Zwangsmaßnahmen im Besonderen versteckt ist. Schubert und Schneider vergessen die psychiatrisch Pflegenden nicht. Sie hätten immer wieder von psychiatrisch Pflegenden gehört, dass  extremes Verhalten psychisch kranker Menschen auszuhalten sei. Sie setzen glücklicherweise ein Fragezeichen hinter die Erwartung, dass kleinere Verletzungen zum erlaubten Risiko in der psychiatrischen Arbeit gehörten. Eine Problematik, die es sicher in der psychiatrischen Pflege zu diskutieren gilt.

Wenn es in der psychiatrischen Wirklichkeit zu Aggression und Zwang kommt, so kann niemand behaupten, gerne damit konfrontiert zu werden. Umso wichtiger wäre es, wenn sich Beteiligte gemeinsam hinsetzen, Erfahrungen austauschen, um ein gegenseitiges Verstehen zu ermöglichen. Dieses wechselseitige Aufeinanderzugehen ist bei den Autorinnen und Autoren nicht wirklich nachvollziehbar. Zwar haben Osterfeld, Laupichler und Zinkler in einer trialogischen Kultur Autorinnen und Autoren zum Schreiben gebracht, doch fehlt die gemeinsame Kultur, die bereits im Buchtitel angemahnt wird.

Es lohnt sich beispielsweise auf die psychiatrisch Pflegenden zu schauen, die die größte Berufsgruppe in der Psychiatrie ausmachen. Sie sind nicht nur durch die Quantität, sondern auch durch die Qualität, die sie im stationären Kontext sieben Tage in der Woche 24 Stunden leisten, hauptverantwortlich für das gemeinsame Milieu. Der Aufsatz „Offene Türen verhindern Gewalt“, den die Krankenpfleger Werner Mayr und Michael Waibel geschrieben haben, verliert sich in einem erneuten Betonen von Recovery-Ideen, der Sinnhaftigkeit von offenen Türen in der Klinik und den eigenen Erfahrungen mit Sicherheit und Entweichungen.

Ihnen gelingt es  nicht, die Banalität psychiatrisch-pflegerischen Handelns darzustellen, die manchmal so wertvoll dafür ist, dass es auf einer psychiatrischen Station zu einem guten Miteinander und einem maximalen Verhindern von Aggression und Zwang kommt. Sie schaffen es nicht darzustellen, wie wichtig es ist, dass die sogenannten Profis und die sogenannten Erfahrenen einen Weg finden, die Symptome einer Erkrankung zu managen. Noch weniger entwickeln sie Ideen, wie in einem schwierigen Milieu, das eine psychiatrische Station immer an sich darstellt, mit Reizen umgegangen wird, auf die seelisch angeschlagene Menschen noch verletzlicher reagieren als der scheinbar psychisch gesunde Mensch. Es wird auch auch nicht deutlich, wie über Sprache und Kommunikation eine innere Haltung deutlich wird, wie Menschen einander begegnen.

Es geht viel um Erfahrungen mit Aggression und Zwang im psychiatrischen Alltag. Es dreht sich viel um das Benennen von Alternativen und vor allem auch um rechtliche Aspekte, die sich im Kontext gegenwärtiger Rechtsprechung und der Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen entscheidend verändert haben. Dass den Einwürfen eines Valentin Aichele und seinem Aufsatz „Menschenrechte und Psychiatrie“ kaum zu widersprechen ist, erscheint als eine natürliche Konsequenz.

Aichele schlägt vor, mit einer erneuten Psychiatrie-Enquete zu einer wirklichen Systemveränderung in der psychiatrischen Wirklichkeit zu kommen. Ob er in den Reihen der politisch Verantwortlichen dafür Mitstreiter finden würde, sei dahingestellt. Deshalb lohnt es sich, an der psychiatrischen Basis Veränderungsprozesse anzugehen, die tiefe Spuren hinterlassen könnten. Oder ist es noch zeitgemäß in einer Psychiatrie, die sich rühmt, Ex-In und Peer-Arbeit zu leben, die Dienstübergaben und Dienstbesprechungen hinter geschlossenen Türen zu führen ? Da ist noch viel Kreativität zu entwickeln, wie trialogische Beteiligung bei alltäglichen Ritualen ermöglicht werden kann.

Martin Zinkler / Klaus Laupichler / Margret Osterfeld (Hrsg.):
"Prävention von Zwangsmassnahmen – Menschenrechte und therapeutische Kultur in der Psychiatrie"
Psychiatrie – Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-88414-632-3, 253 Seiten, 29,95 €

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