Die psychiatrische Pflege als Psychotherapeut

Ist die Psychotherapie ein Arbeitsfeld für die psychiatrische Pflege?
Ein Pflegesymposium auf dem DGPPN-Kongress 2015 diskutierte die Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie für Pflegefachpersonen.

Das Interesse am Thema war groß. Im Raum M4 gab es an diesem Donnerstag bereits um 8:30 Uhr keine Sitzplätze mehr. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) wollte das Pflegesymposium die Frage klären, ob die psychiatrische Pflege auch auf dem Feld der Psychotherapie tätig sein kann. 

Gemeinsamkeiten von Pflege und Psychotherapie
Zu Beginn zeigte Michael Löhr von der Fachhochschule Bielefeld anhand verschiedener Definitionen, wie groß bereits jetzt die Schnittmenge zwischen Psychotherapie und Pflege ist. Vor allem in englischsprachigen Ländern übernimmt die Pflege psychotherapeutische Aufgabe. Aber auch in der deutschen psychiatrischen Pflege gibt es Bereiche, wie das DBT-Skillstraining, in denen Pflegefachpersonen mit speziellen Zusatzausbildungen psychotherapeutische Aufgaben übernehmen. Löhr kann sich Pflegende vor allem in den alltagsnahen Ansätzen der Psychotherapie vorstellen. Er nannte Beispiele wie die Psychotherapie von Menschen mit schizophrenen Störungen. Allerdings, so schränkte er ein, benötigen Pflegende, die psychotherapeutisch arbeiten wollen, aus seiner Sicht eine fundierte akademische Ausbildung.

Beziehung ist wirksam
Auch aus der Forschung kommen positive Signale. André Nienaber stellte in seinem Vortrag Studien vor, die deutlich machen, dass psychotherapeutische Arbeit in der Pflege möglich ist. Den Ausgang seiner Argumentation bilden die fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe (1995). Für den Schweizer Psychotherapieforscher basiert die Wirkung von Psychotherapie auf fünf empirisch überprüfbaren Faktoren:

  1. Therapeutische Beziehung
  2. Aktivierung der Ressourcen des Patienten
  3. Aktualisierung der Probleme in möglichst realen Situationen
  4. Klärung der Bedingungsfaktoren
  5. Unterstützung bei der Problembewältigung

In all diesen Bereichen arbeitet die psychiatrische Pflege. Die besondere Kompetenz der Pflege sieht Nienaber in der Kurzzeittherapie, aber auch in der Psychotherapie von Menschen mit schweren psychischen Störungen. Bereits heute arbeiten psychiatrische Pflegefachpersonen als Co-Therapeuten in psychotherapeutischen Bereichen. Sie führen Expositionstrainings durch, leiten DBT-Gruppe oder die Psychoedukation. Empirischer Studien belegen, dass Pflegende in psychotherapeutischen Bereichen durchaus wirkungsvoll arbeiten, so Nienaber.

Ansätze von Psychotherapie in der Pflege
Nach soviel Theorie und Forschung, sollte es nun mit konkreteren Überlegungen zu psychotherapeutischen Ansätzen in der psychiatrischen Pflege weitergehen. Michael Schulz verdeutlichte dies am Beispiel der Adherence-Therapie, mit der Patienten bei der abwägenden Entscheidung für eine Therapie unterstützt werden. Die Adherence-Therapie ist seiner Ansicht nach ein sinnvolles Arbeitsfeld für Pflegende. Abschließend verwies Bruno Hemdenkreis darauf, dass Pflegende in der ambulanten psychiatrischen Pflege bereits heute Formen von „low intensity psychotherapy“ anbieten.

Die Redner waren sich einig, die psychiatrische Pflege kann Psychotherapie anbieten, zum Teil tut sie das sogar jetzt schon. Die Einsatzfelder einer pflegerischen Psychotherapie sehen sie vor allem in der Kurzzeitpsychotherapie, in der Psychotherapie von Menschen mit schweren psychischen Störungen sowie in alltagsnahen Formen der Psychotherapie. Eine unabdingbare Voraussetzung ist dafür allerdings, ein gute, in der Regel akademische, Ausbildung.

Michael Mayer

 

Anmeldung

Bücher

DFPP

DFPP bei...