"Sexualität und Gesundheit"

"Verschwiegenes zur Sprache gebracht"

Besprochen von Christoph Müller

Ich möchte es einmal in der Sprache der Tennisspieler sagen: was mit dem Buch "Sexualität und psychische Gesundheit" gestartet wurde, kann nur ein erster Aufschlag sein. Es gibt noch viele Gelegenheiten zum Return. Denn die Schweizer Pflegenden, der Experte aus der Aids-Hilfe und die Betroffene haben Verschwiegenes zur Sprache gebracht.
Sexualität betrifft einen jeden Menschen. Mit einer psychischen Erkrankung bekommt die Sexualität eine andere Bedeutung. Denn im Zusammenhang mit einer manischen Auffälligkeit wird Sexualität grenzenloser. Mit einer depressiven Symptomatik gerät sie in den Hintergrund. Mit der Einnahme von Psychopharmaka scheinen problematische den freudigen Aspekten zu überwiegen. Da Sexualität im Leben eines jeden Menschen eine vitale Funktion hat, deshalb sollte es auch im Kontext mit der psychischen Erkrankung angesprochen werden.

In der Versorgungswirklichkeit wird die Vitalität der menschlichen Sexualität offensichtlich vernachlässigt. Diesen Eindruck gewinnt man nicht nur, wenn man sich das Buch von Zurbrügg et al. erarbeitet. Die Nachdenklichkeit mit dem Blick auf den eigenen Tätigkeitsbereich führt dazu, dass der Return des Tennisspiels ins Seitenaus führt.
Was Zurbrügg et al. mit dem vorliegenden Manual geschaffen haben, ist glücklicherweise sehr konkret. Der Leser hat kaum die Möglichkeit, die eigene Sexualität und die Sexualität der Menschen, die im psycvhiatrischen Umfeld begleitet werden, zu vernachlässigen. Zurbrügg et al. ermuntern, das Thema Sexualität in den psychiatrischen Alltag zu integrieren. Sie erinnern daran, dass eine nötiger Rahmen dafür geschaffen werden müsse, "sodass eine gute Atmosphäre und die nötige Offenheit von beiden Seiten entsteht" (S. 25).
Ob dies entstehen kann, wenn im Zusammenhang mit der Sexualität Pflegeplanung und Pflegediagnosen in den Fokus kommen, mag dahingestellt sein. Eher erscheint es von größerer Überzeugungskraft zu sein, wenn psychiatrie-erfahrene Menschen in den Diskurs einbezogen werden. Dies ermögliche einen unmittelbaren Zugang, wie Zurbrügg et al. unterstreichen.
Sehr lebensnah suchen die Autoren Zugang zum Thema Medikamente bei psychischen Erkrankungen und deren Auswirkungen auf die Sexualität. Wörtlich: "Mehr als die Hälfte aller Menschen mit psychischen Problemen erleben sexuelle Störungen, wobei diese auch Folgen der Erkrankung sein können. Sexuelle Probleme beeinflussen die Beziehungh, haben Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden und ebenso auf die Bereitschaft der Betroffenen, die vorgeschlagene medikamentöse Therapie einzuhalten." (S. 47)
Dem Manual gelingt es, die Vielfältigkeit der Sexualität in den Blick zu nehmen, aber gleichzeitig Möglichkeiten zu zeigen, wie diese Vielfältigkeit angesprochen werden kann. Ihnen gelingt es auch anzusprechen, dem lieber aus dem Weg gegangen wird. "Wir haben oft von Fachpersonen gehört, dass sie es nicht als Teil ihrer Rolle betrachten, mit Betroffenen über sexuelle Gesundheit zu sprechen ... Es ist deshalb für die Moderatoren wichtig zu wissen, dass sie auf Widerstände stößen können ..." (S. 66)
Es hat schon etwas Bedenkliches, wenn in diesem Manual wie im psychiatrischen Alltag eine Not der Betroffenen existiert, die hier und dort auch angesprochen wird, die jedoch ohne Erwiderung auf Seiten der begleitenden Menschen zu bleiben scheint. Die Verantwortung für den Return im Tennisspiel haben wohl insbesondere die psychiatrisch Tätigen. Ein Dank an Zurbrügg et al., dass sie dies in Erinnerung gerufen haben.

Rahel Zurbrügg / Christian Burr / Peter Briggeler / Elsy B. Moser:
"Sexualität und Gesundheit - Ein Manual für die Einzel-und Gruppenarbeit mit Betroffenen und Fachpersonen"
Psychiatrie Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-88414-628-6, 144 Seiten, 29,95 €

 

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