Handbuch der Psychoedukation

"Möglichkeitsräume statt Stopschilder"

Mit kritischem Blick gelesen von Christoph Müller

Für die Einen ist es Standard in der psychiatrischen Arbeit, für die Anderen ist es ein Instrument, das ein Ungleichgewicht zwischen psychisch erkrankten Menschen, den Angehörigen und den psychiatrischen Helfern: die Psychoedukation. Mit dem Aufkommen von Recovery und Adherence ist die gut gemeinte Psychoedukation etwas in Verruf gekommen. Ob dies zurecht geschehen ist, mögen psychiatrische Praktiker in ihrem beruflichen Alltag und nach der intensiven Beschäftigung mit dem "Handbuch der Psychoedukation" selber reflektieren.

Die scheidende Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Iris Hauth, sieht eine "Brücken bauende Funktion der Psychoedukation, die fachübergeifend darum bemüht ist, das Empowerment der Betroffenen nach besten Kräften zu unterstützen und zu stärken". Sie sieht die Psychoedukation als "wesentliche Grundlage einer tragfähigen Behandlungsallianz und einer gemeinsamen Entscheidungsfindung."

Es ist sicher mehr als zu begrüßen, wenn die erfahrene Medizinerin Hauth die positiven Seiten der Psychoedukation in den Vordergrund stellt. Bedenkenträger gibt es immer. Mehr Sinn macht es gewöhnlich, wenn nach Möglichkeitsräumen statt nach Stop-Schildern geschaut wird. So bemerken die Herausgeberin und die Herausgeber in den eigenen einführenden Worten, dass es darum gehe, einen Leitfaden an die Hand zu geben, welche psychoedukativen Konzepte bei welchen Störungsbildern zur Verfügung stehen.

So wird die Vielfältigkeit und Breite der psychoeduaktiven Ansätze in der psychiatrischen Arbeit offensichtlich. Josef Bäuml und Gabriele Pitschel-Walz stellen fest, dass der frühzeitige und sytematische Einsatz der psychoedukation den Boden dafür bereite, dass die Patienten und ihre Angehörigen nicht in Versuchung geraten, ein einseitiges oder eindimensionales Krankheitskonzept zu entwickeln. Dies soll vor allem dort gelingen, so gewinnt man den Eindruck, wenn Multiprofessionalität nicht nur präferiert, sondern auch umgesetzt wird. Die psychiatrische Versorgung kann sicher gewinnen, wenn selbst Peer-to-Peer-Beratung als Selbstverständlichkeit bei der Psychoedukation verstanden wird.
Aufgrund der starken Verunsicherung der Betroffenen und der Angehörigen infolge einer psychischen Erkrankung geht es um die Haltung, mit der Psychoedukation gelebt wird. Das Verbreiten von Hoffnung beschreiben Pitschel-Walz und Bäuml als Ziel. Jörg Mattenklotz unterstreicht als psychiatrisch Pflegender, dass die Beteiligung der Pflegenden als Moment der Professionalisierung und evidenzbasierten Arbeit angesehen wird. Mattenklotz betont den trialogischen Ansatz der Psychoedukation. Wörtlich: "Trialogisch bedeutet, von Menschen zu lernen, die Erfahrung mit psychischen Erkrankungen gemacht haben, von Angehörigen zu lernen, die ihre spezifische Sicht einbringen können und von Professionellen zu lernen, die fachwissen und wissenschaftliches Wissen in die Alltagssprache übersetzen."

Die zahlreichen Autorinnen und Autoren aus der psychiatrischen Praxis erläutern die psychoedukativen Möglichkeiten bei demenziellen Erkrankungen und Suchterkrankungen, bei schizophrenen und affektiven Erkrankungen, bei Angsterkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen sowie bei vielem mehr. Die psychiatrische Wirklichkeit wird sicher auch belebt, wenn psychoedukative Arbeit mit Angehörigen gemacht wird. Sie ziele darauf ab, "die Angehörigen als informierte "Ko-Therapeuten" zu gewinnen, die den Lebensweg der Patienten begleiten, sie - wenn nötig - schützen und unterstützen und in Krisenzeiten kompetent eingreifen können."
Das "Handbuch der Psychoedukation" ist ein wichtiger Wegweiser in der scheinbar fehlenden Übersichtlichkeiten psychoedukativer Programme. Es beschreibt nicht nur den State-of-the-art, sondern motiviert auch, den einen oder anderen weißen Fleck mit Psychoedukation auszufüllen und vor allem die gelebten Haltungen zu reflektieren und ständig anzupassen. Ein wichtiges Signal für psychiatrisch Tätige, aber auch für Betroffene und deren Angehörige.

Josef Bäuml/Bernd Behrendt/Peter Henningsen/Gabriele Pitschel-Walz:
"Handbuch der Psychoedukation"
Schattauer-verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-7945-3131-8, 640 Seiten

 

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